KI-Governance: CFOs und Steuerleiter bei ViDA nicht auf einer Linie
Eine aktuelle Umfrage unter 176 Finanz- und Steuerleitern zeigt erhebliche Diskrepanzen bei der KI-Strategie zwischen CFOs und Steuerverantwortlichen – gerade in einem Jahr mit verschärften ViDA-Anforderungen.
Kontext: Der zunehmende Druck zur KI-Adoption
Die Europäischen Union setzt mit der VAT in the Digital Age (ViDA)-Richtlinie seit 2026 strengere Echtzeitberichts- und Rechnungsstellungsanforderungen durch. Gleichzeitig stehen Finanzabteilungen unter wachsendem Druck, Künstliche Intelligenz (KI) in ihre Prozesse zu integrieren. Eine aktuelle Studie mit 176 Finanz- und Steuerleitern, darunter 18 CFOs und Finanzdirektoren, offenbart jedoch ein strukturelles Governance-Defizit: Obwohl 88,6 % der Steuerabteilungen Druck zur KI-Adoption verspüren, haben nur 12,5 % konkrete Ziele oder Key Performance Indicators (KPIs) dafür festgelegt. Diese "Spezifitätslücke" ist der entscheidende Faktor, der Organisationen mit reifen KI-Programmen von denen ohne unterscheidet.
Die ViDA-Herausforderungen 2026
Die ViDA-Richtlinie, die seit Januar 2026 schrittweise eingeführt wird, erfordert von Unternehmen verstärkten Fokus auf Echtzeitberichterstattung und strenge Einhaltung der elektronischen Rechnungsstellung. Diese Anforderungen verstärken den Bedarf an verlässlichen, nachprüfbaren Systemen – genau dort, wo die aktuelle KI-Nutzung am wenigsten Governance zeigt.
CFOs vs. Steuerleiter: Divergierende Prioritäten
Die Umfrage zeigt, dass CFOs und Steuerleiter unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Während 22,2 % der CFOs regulatorisches Monitoring als größte KI-Herausforderung nennen, sind es bei Steuerleitern nur 8,2 %. umgekehrt betonen 14,3 % der Steuerleiter die elektronische Rechnungsstellung als Top-Konern – nur 5,6 % der CFOs teilen diese Priorität. Diese Diskrepanzen könnten zu strategischen Fehlentscheidungen führen, insbesondere vor dem Hintergrund der verschärften ViDA-Anforderungen.
Was sich ändert: Auditierbarkeit als entscheidender Faktor
Für 55,6 % der CFOs ist die Auditierbarkeit und Nachvollziehbarkeit von KI-Entscheidungen der größte Hemmschuh für die produktive Nutzung von KI – nicht Kostenersparnis oder Geschwindigkeit. 38,9 % sehen zudem Verbesserungspotenzial in der Integration mit bestehenden Systemen. Diese Erkenntnisse verschieben das Problem der KI-Adoption: Der Engpass liegt nicht im Willen zur Nutzung (nur 73,9 % der Organisationen haben die KI-Adoption nicht verlangsamt), sondern in fehlender Governance-Infrastruktur, die regulatorischer Prüfung standhält. 57,4 % der Organisationen wären nicht zuversichtlich, eine KI-gestützte Steuerentscheidung gegenüber einer Steuerbehörde zu verteidigen.
Governance-Defizit in der Praxis
Trotz einer hohen overall KI-Nutzung (92 % der Organisationen setzen KI ein) zeigt sich, dass 60,8 % vor allem auf individuelle Nutzung öffentlicher Tools ohne Governance-Rahmen oder Audit-Trail setzen. Diese Praxis erhöht das Risiko, insbesondere vor dem Hintergrund der ViDA-Pflichten zur Echtzeitberichterstattung. Derzeit findet die Mehrheit der KI-gestützten Steuerarbeit außerhalb nachprüfbarer Systeme statt – ein klares Compliance-Risiko.
Auswirkungen auf die Steuerabteilungen
Die Ergebnisse der Umfrage haben direkte Implikationen für Steuerabteilungen in der EU. Die fehlende Abstimmung zwischen CFOs und Steuerleitern könnte dazu führen, dass wichtige Aspekte der ViDA-Compliance nicht ausreichend berücksichtigt werden. Steuerleiter sollten daher proaktiv mit den Finanzführungen zusammenarbeiten, um eine gemeinsame Strategie zur KI-Governance zu entwickeln.
Konkrete Schritte für die Praxis
- Einführung von KPIs: Steuerabteilungen sollten gemeinsam mit der Finanzleitung klare Ziele für die KI-Adoption festlegen.
- Audit-Trail-Systeme: Es ist essenziell, dass KI-gestützte Prozesse in nachprüfbare Systeme eingebunden werden.
- Schulungen: Regelmäßige Schulungen zu regulatorischen Anforderungen und KI-Governance sollten für alle Beteiligten Pflicht sein.
- Cross-Funktionale Teams: Die Bildung von interdisziplinären Teams kann helfen, die unterschiedlichen Perspektiven von CFOs und Steuerleitern zu vereinen.
Ausblick: Was kommt auf Unternehmen zu?
Die Umfrage zeigt klar, dass die nächsten Monate entscheidend sein werden für Unternehmen, die ihre KI-Governance-Strukturen an die ViDA-Anforderungen anpassen müssen. CFOs und Steuerleiter müssen ihre Prioritäten harmonisieren, um effektive Lösungen zu entwickeln.
Offene Fragen
- Wie werden die 12,5 % der Organisationen, die bereits konkrete KPIs für KI-Adoption haben, ihre Strategien weiterentwickeln?
- Welche Rolle werden externe Berater oder Technologieanbieter bei der Schließung der Governance-Lücke spielen?
- Wie wird die europäische Steuerbehörde auf Organisationen reagieren, die keine nachprüfbaren KI-Prozesse vorweisen können?